Führung und Einsamkeit

Solitaire et solidaire – Wege aus der Einsamkeit

Solitaire et solidaire – Wege aus der Einsamkeit

Für Camus sind die Unverletzbarkeit der menschlichen Person und die Möglichkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen wesentliches Fundament seines Denkens. Daran sei erinnert, wenn es darum geht, wie es gelingen kann, die eigene Einsamkeit, das Alleinsein zu überwinden. Die Reflexion darüber, was möglich ist und wie wir unser Leben gestalten können, ist dabei wesentlich und nicht etwa Ausdruck einer »Rotkreuz‐​Moral« (Sartre), die nur oberflächlich dem Menschen helfen wollte oder, noch schlimmer, nur symbolisch Antworten lieferte.

Qualität: Lebensdichte statt Lebensoptimierung 

2009 erscheint vor dem Hintergrund der Finanzkrise und des gescheiterten Klimagipfels in Kopenhagen Peter Sloterdijks Bestseller »Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik.« Kern des viel beachteten Essays ist, dass der Mensch sich im Üben selbst erschafft. – Auf den ersten Blick knüpft Sloterdijk an existenziellem Denken an; der von Rilke gekaperte Vers »Du musst dein Leben ändern« kann sehr wohl als Appell verstanden werden, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Doch er entwickelt ein anthropologisches Modell des Menschen als lebenslang Übender. Übung ist für Sloterdijk »jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei sie als Übung deklariert oder nicht.« (2009, S. 14). Mit dem Begriff »Anthropotechnik« zielt Sloterdijk auf die »immunitäre Verfassung des Menschenwesens«: der Mensch ist bestrebt, sich zu perfektionieren, und zwar biologisch, sozio‐​kulturell (juristisch, militärisch, politisch) und symbolisch (Religion, Kunst). Übung (Schulung, Training, Coaching …), die permanente Arbeit an sich selbst, trägt in seiner Lesart zur individuellen Verbesserung wie auch zur Verbesserung der Welt bei. (Doch aufgepasst: Es ist nicht schwer, hier die Spur zu Nietzsches fragwürdigem Konzept vom Übermenschen zurückzuverfolgen.) – Sloterdijks Diagnose dabei: Der Mensch ist durch permanente Lebensoptimierung bereits überfordert und braucht einen Ausweg. Seine Antwort darauf: mehr Lebensoptimierung, nämlich durch: Üben. Ein Schelm, wer dabei an Mark Twain denkt: »Nachdem wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.« …

Es ist schwierig, ernsthaft Argumente gegen lebenslanges Lernen oder Üben vorbringen zu wollen. Klar ist aber, dass es bei existenziellen Themen nicht ums Üben geht, wenn auch viele Coachings an dieser Stelle den Eindruck verbreiten, es ließe sich alles trainieren. Das ist nicht der Fall, und schon gar nicht bei einem Thema wie Einsamkeit. Hier geht es darum, wieder in Kontakt mit der (Um)Welt, mit anderen Menschen, mit sich selbst und mit den Dingen, woraufhin der Mensch sich ausrichtet zu kommen. Hier bewegen wir uns im Bereich der Haltung und des Handelns. Nicht die Kompetenz ist gefragt (wenngleich Kompetenzen selbstverständlich hilfreich sind) – und vor allem nicht die Leistung.

»Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, schreibt Camus als letzten Satz im »Mythos von Sisyphos« (1942, S. 145). Sich vorzustellen, Sisyphos sei ein Übender, ist absurd: »[…] er findet, dass alles gut ist. […] Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.« (ebd.) – Es geht nicht darum, was das Leben für uns leistet oder wir für das Leben. Sondern ob unser Leben es wert ist, gelebt zu werden. Während Sloterdijk auf Lebensoptimierung, auf Fortschritt, setzt, geht es Camus um Qualität, um Lebensdichte. Ein erfülltes Leben zu haben, ein wertvolles Leben zu führen, das bedeutet, immer wieder neu dem eigenen Leben Sinn zu geben.

Wer in der Führungsposition einsam und allein ist, sollte daher nicht so sehr der Frage nachgehen, welche Kompetenzen oder Methoden nun notwendig sind, um aus der Misere herauszukommen. Sondern schlicht, dafür aber grundlegend, der Frage nachgehen, wie es gelingen kann, wieder in einen authentischen Kontakt zu Menschen zu kommen. Dafür ist Selbstüberwindung gefragt, oder auch: Hingabe.

Einsam, aber solidarisch

»Niemand ist eine Insel« (»No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main.«; Meditation XVII, John Donne, 1624) – dieser Vers kann auch anders gelesen werden: Niemand ist allein. Diese Erkenntnis verschwindet allerdings im Nebel der Einsamkeit, was ein zumeist schleichender Prozess ist. Der Mensch begreift nicht, dass er durch die Entfremdung vom anderen zunehmend sich selbst fremd wird, er sieht sich darin nicht und kann sich folglich darin auch nicht verstehen. An dieser Stelle hilft, einmal über sich selbst hinauszuschauen:

Existenz ist stets auf den anderen gerichtet. Das Selbstsein bedarf wesentlich der Kommunikation mit anderen Menschen. In der existenziellen Kommunikation von Mensch zu Mensch kommen Menschen sich gegenseitig nahe und liefern sich einander aus (Karl Jaspers). Sie überwinden ihre Angst vor dem Fremden, dem Anderssein, erkennen im Gegenüber einen Menschen wie sich selbst und lassen sich auf dieser Grundlage auf ein Gespräch ein, dass in der Haltung offen bleibt, für das, was im Dialog entsteht. Im Dialog entsteht eine Bewegung, eine Dynamik, die die Beteiligten auf ein (gemeinsames) Drittes hin leitet, das zuvor nicht »da« war. Die hierzu von Jaspers formulierten Erfordernisse existenzieller Kommunikation erzeugen Grenzerfahrungen, die in existenzielles Erleben münden können. Und dies ist gleichzeitig das Kern‐​Element »existenzieller Führung«.

Martin Buber (»Ich und Du«, 1923) weist darauf hin, dass der Mensch seine Identität vornehmlich in Relation zu dem ihn Umgebenden bildet: Erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, dem »Du«, oder mit der dinglichen Welt, dem »Es«, ermöglicht eine Abgrenzung des »Ich« von seiner Umwelt. Der Mensch gewinnt sein (vorhandenes) Ich in der Begegnung mit dem (vorhandenen) Du des anderen. Im Sinne des Ausspruch Bubers, »Alles Leben ist Begegnung« ist die Auseinandersetzung, der Dialog mit dem anderen (als Möglichkeit der Selbstvergewisserung durch Abgrenzung und der Gewissheit zugleich sich zu ihr und in ihr zu verhalten) Notwendigkeit für ein verantwortungsvolles Leben überhaupt.

Doch dem steht entgegen, was oft zur Einsamkeit führt: »Der eigensinnige Stolz des Menschen, der nur er selbst sein will, wehrt Kommunikation ab. Er möchte mit sich die Welt identifizieren und kennt nur den Willen: die Welt zu besitzen. Er hört zu aus Neugier und Menschengier, erträgt nicht, eine Blöße zu zeigen oder in die Situation des Unterlegenen zu kommen. Zu Menschen sucht er nicht die Beziehung der Solidarität, er will sie erobern und zu eigen haben.« (Jaspers, Philosophie II, S. 91)

Solidarität? Camus beschreibt vor allem in seinem philosophischen Schlüsselroman Die Pest (deutsch 1948), dass die Ausrichtung auf die zentralen Werte Solidarität, Freundschaft und Liebe Überwindung von Fremdheit und Feindlichkeit, Verständigung, Miteinander und Sinngebung erst möglich machen. Allein schon die Solidarität würde für einen gelingenden Dialog ausreichen. Die Bereitschaft zum Dialog wächst in dem Maße, wie anerkannt wird, dass es im Grundsatz dem anderen genauso im Leben ergeht, wie einem selbst. Aus dieser »Solidarität der Sterblichen« heraus kann auch die exponierte Führungskraft in einen authentischen Austausch mit anderen treten.

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»Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.«
Albert Camus (Tagebücher)

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