Führung und Einsamkeit

Condition humaine – eine existenzielle Sicht auf Einsamkeit (I. Tod und Absurdität)

INHALT /​ CONTENT

Condition humaine – eine existenzielle Sicht auf Einsamkeit

Wie später auch Camus hat der französische Autor und Politiker André Malraux wesentliche Fundamente seines existenziellen Denkens in Romanen entwickelt. Zu nennen ist hier vor allem »La Voie royale« (1930, dt. Der Königsweg): hier ist im Grunde alles enthalten, was Malraux an existenzialistischen Maximen über die Ausgestaltung der Romanfiguren entfaltet. Er hatte damit großen Einfluss auf das Denken Jean‐​Paul Sartres (»er ist wie ein Johannes der Täufer, dessen Jesus ich wäre«, so Sartre 1940 in einem Brief an Simone de Beauvoir). Beeinflusst von Dostojewski, Nietzsche, Spengler und Gide thematisiert Malraux immer wieder, wie der Mensch sich angesichts der tragischen Daseinsbedingungen selbst gestalten muss.

Malraux beschäftigt sich mit zentralen Fragen des Daseins: Wo steht der Mensch in der Welt? Wo verortet er sich in der Geschichte? Was ist der Sinn des Lebens (der menschlichen Existenz) im Hinblick auf seine Endlichkeit? Es geht also um wesentliche Bedingungen der Existenz, mit denen sich der Mensch ausweglos auseinanderzusetzen hat. Was bei Viktor E. Frankl an dieser Stelle die »tragische Trias« aus Schuld, Leid und Tod ist, ist bei dem Franzosen die condition humaine, sind also die Lebensbedingungen des Menschen, bestehend aus la mort, l’absurdité, la solitude – dem Tod, der Absurdität, der Einsamkeit.

Der Tod

Der Tod ist das bestimmende Element unseres Lebens, er kennzeichnet die Lebensspanne, die Ungewissheit seines Eintretens schwingt unbewusst immer mit und »diszipliniert zum Leben« (Viktor E. Frankl).

Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel beschreibt es so: »Aber in jedem einzelnen Momente des Lebens sind wir solche, die sterben werden, und es wäre anders, wenn dies nicht unsere mitgegebene, in ihm irgendwie wirksame Bestimmung wäre. So wenig wir in dem Augenblick unserer Geburt schon da sind, fortwährend vielmehr irgend etwas von uns geboren wird, so wenig sterben wir erst in unserem letzten Augenblicke. Dies erst macht die formgebende Bedeutung des Todes klar. Er begrenzt, d.h. er formt unser Leben nicht erst in der Todesstunde, sondern er ist ein formales Moment unseres Lebens, das alle seine Inhalte färbt: die Begrenztheit des Lebensganzen durch den Tod wirkt auf jeden seiner Inhalte und Augenblicke vor; die Qualität und Form eines jeden wäre eine andere, wenn er sich über diese immanente Grenze hinauserstrecken könnte.« (»Zur Metaphysik des Todes«, 1911) Ähnliche Gedanken durchziehen unter anderem auch das spätere Werk »Der Mut zum Sein« (1952) des Theologen und Religionsphilosophen Paul Tillich.

Tod ist somit für uns Menschen ein zentraler Begriff. Jedoch spielen viele Sichtweisen hinein: nicht nur der Verlust von Leben, sondern ebenso der Verlust von Freiheit, Kraft, Mut und Hoffnung, das Gefangensein in der eigenen Leiblichkeit, die Vergänglichkeit des eigenen Körpers etc.

Welchen Sinn hat das menschliche Leben eigentlich, wenn der Mensch doch sterben muss? Wie soll der Mensch mit der Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz umgehen? Wie kann er mit dem ständig möglichen Tod leben? Die aus diesen Fragen entstehende Angst wird zur ständigen Begleiterin des Menschen und treibt ihn zum Handeln an. Dabei hat er zwei Möglichkeiten: sich (an)treiben zu lassen zu Ersatzhandlungen, die kurzfristige Befriedigung und damit Ablenkung versprechen. Oder er stellt sich der Gewissheit des Todes und übernimmt für die Gestaltung seines Lebens Verantwortung. Denn nur so hat der Mensch die Möglichkeit, aus freier Entscheidung heraus seinem Leben Sinn zu geben.

Die Absurdität

Der Mensch hat vielleicht als einziges existierendes Wesen ein Bewusstsein für seinen Tod. Der Tod wiederum ist unanfechtbarer Beweis für die Absurdität der Existenz. Das Paradox besteht für den Menschen darin, dass aufgrund des Todes das Leben eigentlich sinnlos sein muss – der Mensch aber durch sein Handeln dem Leben Sinn abringen kann.

»Die Erfahrung des Absurden als das Schlechthin Widersinnige […] verweist auf eine Widersprüchlichkeit, die konstitutiv ist für das Existieren als Mensch, gleichwohl aber weder logisch noch ethisch aufgelöst werden kann. Das Leben in einer antinomischen Struktur, die das Streben nach Sinn und Glück von vornherein sabotiert, wird zur Zerreißprobe für das Individuum, das sich gezwungen sieht, im Sinnlosen nach einer Nische für die Realisierung seiner Vorstellung eines gelungenen Selbstentwurfs zu fahnden.« (Thurnherr, Hügli: Lexikon Existenzialismus und Existenzphilosophie, S. 72)

Joachim Leeker schreibt in seinem Buch »Existentialistische Motive im Werk Alberto Moravias: ein Vergleich mit Malraux, Camus und Sartre« (1979), dass für Malraux Absurdität meint, den »vergebliche[n] Versuch des Ich, mit sich und der Welt fertig zu werden, wobei das Ich die Unabänderlichkeit einer Situation fühlt, die die menschlichen Kräfte übersteigt und der er insofern ausgeliefert ist.« Hinzufügen sollte man noch den Aspekt der Unabwendbarkeit und Planlosigkeit einer Situation; zu betrachten wäre außerdem ein Auseinanderklaffen von »Sein« (der ernüchternden Realität) und »Sein wollen« (den zu hohen Erwartungen an das Leben). Absurdität lässt sich sowohl im Menschen als auch in der Welt finden: Die Absurdität des Menschen in sich, welche die Unbegreiflichkeit des eigenen Ichs, das aus Träumen, Wünschen und Fantasien ein irreales Selbst‐ und Wirklichkeitsbild zusammenstellt, meint. Und die Absurdität des Menschen in der Welt meint die Wirkungslosigkeit seines Handelns, seine Machtlosigkeit gegenüber der Zeit, dem Tod und der Angst (nach Leeker, 1979).