Führung und Einsamkeit

Idealisierung der Einsamkeit

Idealisierung der Einsamkeit

Einsamkeit ist ein menschheitsaltes Phänomen; wir wissen nichts darüber, wie es den Menschen der Frühzeit ergangen ist, wie sie ihr Leben reflektiert haben und ob sie es überhaupt konnten. Ganz sicher müssen wir aber davon ausgehen, dass auch die ersten Menschen Isolation und Alleinsein kannten, mit Sicherheit wurden auch sie von Urängsten angesichts der Naturgewalten der Welt getrieben. Seitdem Menschen ihre Gedanken und Erfahrungen überliefern, ob durch Erzählungen oder Schriften, wissen wir, dass sie sich mit Einsamkeit und Alleinsein beschäftigt haben. Die Schöpfungsgeschichte weist auf den Urzustand der Leere hin (»Und die Erde war wüst und leer und Finsternis lag auf der Tiefe«, 1. Mose 1,2) und stellt prominent und früh klar, »es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei« (1. Mose 2,18).

Für die Philosophen der Antike ist Einsamkeit ein bedeutendes Thema. Epikur lobt die Abgeschiedenheit im Garten. Die Stoiker, vor allem Seneca, betonen den Wechsel zwischen dem (müßigen) Alleinsein und der Geselligkeit (de otio et solitudine). Viele neuzeitliche Denker folgen dieser Linie, etwa Michel de Montaigne (v.a. in »Über die Einsamkeit«, Essais, Erstes Buch).

Einsamkeit als Begriff taucht im Mittelalter mit der Verbreitung von Meister Eckhardts Schriften auf, als Übersetzung des lateinischen unio im Sinne der unio mystica (Einsamkeit als Eins‐​sein mit Gott). Christliche Mystiker haben Jesus Christus zum Idol der Einsamkeit erkoren (etwa durch seine im Neuen Testament immer wieder beschriebenen Rückzüge von der Gemeinschaft, am bekanntesten dürfte sein Alleinsein im Garten Gethsemane am Abend vor der Kreuzigung sein). Das Ideal dieser Abgeschiedenheit bei gleichzeitiger Vereinigung mit dem Göttlichen wird von Leo Tolstoi immer wieder aufgegriffen: »Je einsamer jemand ist, desto deutlicher hört er die Stimme Gottes«. Er überhöht diesen Gedanken und macht ihn zu einer geistigen Richtschnur für diejenigen, die ihm folgen: »Auf der höchsten Bewusstseinsstufe ist der Mensch allein. Eine solche Einsamkeit kann sonderbar, ungewöhnlich, ja auch schwierig erscheinen. Törichte Menschen versuchen, sie durch die verschiedensten Ablenkungen zu vermeiden, um von diesem erhabenen zu einem niedriger gelegenen Ort zu entkommen. Weise dagegen verharren mit Hilfe des Gebetes auf diesem Gipfelpunkt.«

Das steht im Widerspruch zur Aufklärung, die das Ideal des Selbstdenkens propagiert. Vor allem Immanuel Kant benennt hier in seinen Aufklärungsmaximen das »Selbst‐​Denken«, den Mut zu haben, sich seinen eigenen Verstandes zu bedienen. Dafür muss sich der Mensch immer wieder zurückziehen, um nachdenken zu können. In der Zeit der Romantik wird dagegen die Empfindsamkeit betont, im Sinne eines Rückzugs in die eigene Innerlichkeit. Der Pietismus wiederum kennt eine Mischform der mystifizierten Einsamkeit und des In‐​sich‐​Hineinhörens, um das eigene Gewissen zu erforschen und sich seiner selbst zu vergewissern (allerdings mit strenger Dogmatik: »Wer sitzt auf dem Thron deines Herzens? Jesus oder du selbst?«).

Max Weber hat mit seiner politischen Soziologie den Begriff der »charismatischen Herrschaft« in den europäischen Diskurs eingebrannt; umfassend beschrieben wird ein Führertypus, der als Träger von Charisma Autorität und Befehlsgewalt innehat und Massengehorsam erzeugt. Für das Thema »Einsamkeit« ist hier bedeutend, dass der charismatische Führer einzigartige Persönlichkeitsmerkmale aufweist – also sich allein dadurch schon vom Kollektiv abgrenzt. Die Beziehung zu den Folgenden ist eine hauptsächlich emotionale und idealisierte Führender‐​Geführten‐​Beziehung. Der charismatische Führer ist allein, entscheidet einsam und ist in der letzten Konsequenz eigentlich dem Kollektiv entzogen. Ein Synonym für diesen Typus von Führung ist die »heroische Führung«: An der Spitze der Organisation (Unternehmen, Abteilung, Einheit etc.) steht eine einzelne Person, welche die Ziele und die Strategie vorgibt. Die gesamte Organisation ist auf Gedeih und Verderb auf den Führenden angewiesen. Was ihn zum strahlenden oder tragischen einsamen »Helden« macht, sind im wesentlichen Sieg – oder Niederlage.

Da es sich beim charismatischen oder heroischen Führer um einen Archetypen handelt, ist es klar, dass Reste dieses Denkens auch im 21. Jahrhundert noch weit verbreitet sind. Die bereits erwähnten Glaubenssätze einzelner Führungstheoreme, kombiniert mit altgriechischen, neuzeitlichen und romantischen Tugenden führt dazu, dass das Bild des einsam entscheidenden Leaders in den Köpfen vieler Menschen bestimmend ist. Das Selbst‐​Denken, der Rückzug zum Nachdenken, die selbst gewählte Stille und das Alleinsein (als Abstand vom Alltag) sind selbstredend wichtige Kompetenzen und Möglichkeiten, die Führung braucht und sich nicht nehmen lassen sollte. Haben aber diejenigen Recht, die betonen, dass der Mensch nun einmal allein sei, und das besonders, je mehr Verantwortung er trägt? Muss er seine Einsamkeit hinnehmen? Oder ist es nicht eher so, um es mit Albert Camus zu sagen, dass er sein Schicksal gestalten kann?