Führung und Einsamkeit

Mit zunehmender Führungsverantwortung droht: Einsamkeit. Der Mensch ist nicht nur ein soziales Wesen, wie es bei dem Thema Einsamkeit naheliegen mag. Er ist ein in vierfacher Weise auf Beziehung angewiesenes Wesen: Beziehung zur Umwelt (die physische Dimension), zur Mitwelt (die soziale Dimension), zur Eigenwelt (die psychologische/​personale Dimension) und zur Überwelt (die spirituelle/​transzendente Dimension). Einsamkeit bedroht diesen »Vierklang des Daseins« in existenzieller Weise: Am Ende bleibt der Mensch in allen entscheidenden Fragen allein. Er droht, sich, anderen und der Welt verloren zu gehen. 

Einsamkeit: Ein Tabu der Führungswelt

Von den blitzenden Glaspalästen an Elbe und Alster, von der HafenCity oder von St. Georg aus ist es in Hamburg nicht weit zur Kunsthalle. Ein Besuch dort lässt sich etwa mit der Mittagspause verbinden. Wer gezielt sucht, findet in der Ausstellung eine Skulptur von Ernst Barlach, »Der Einsame«. Der expressionistische Künstler, dessen ausdrucksvolle Werke von den Nationalsozialisten teilweise bereits früh beschlagnahmt oder zerstört wurden, schuf 1911 die Skulptur aus Eichenholz. Sie gehört zu den bekannten Motiven Barlachs – als Bronze etwa ruft sie in den Aktionshäusern immer noch stolze Summen auf – jedoch würden wir sie heute wohl nicht mehr modern nennen.

Die in sich gewundene düstere Figur steht im krassen Kontrast zu unseren Gewohnheiten, Moden, Ansprüchen, unseren zeitgenössischen Vorstellungen von Kunst und Design. Sie würde kaum in das helle chromblinkende und ledergedämpfte Interieur der Büros der Glaspaläste hineinpassen. »Der Einsame« wirft so einen harten Schlagschatten auf das prosperierende Tun von Start‐​Ups, Global Playern, erfolgreichen Mittelständlern und modernen Organisationen und Verwaltungen – aber vor allem auf das Selbstverständnis aufstrebender Führungskräfte: »Nicht Hoffnung ist zu sehn, ja, nicht mal Bitte; /​ Er wendet, windet sich, versucht verzagt /​ das Dunkel abzuschütteln das ihn plagt, /​ das ihn von aller Freude abgeschnitten.« (Aus: Sonette zu Ernst Barlach, »Der Einsame«, Dirk Strauch, 2007).

Das (eigentliche) Tabu

Das Thema Nähe und Distanz ist ein alltägliches Führungsthema, geht es doch immer um die Ausgestaltung der unterschiedlichen (Arbeits-)Beziehungen, in denen sich Führungskräfte befinden. Die Frage, wieviel persönliche Nähe und Distanz Führende tatsächlich zulassen oder einnehmen sollen, ist regelmäßig Gegenstand von Gesprächen in Coaching‐ oder Beratungssettings. Wenn es um das Thema Einsamkeit geht, zeigen sich Führungskräfte allerdings zugeknöpft. Erst mit wachsendem Vertrauen in die Beratungsbeziehung kommt hin und wieder auch das Thema Einsamkeit, Vereinsamung oder Alleinsein auf.

In der einschlägigen Managementliteratur ist das Thema bis heute kaum zu finden, nur etwa eine Handvoll Publikationen sind hierzu in den letzten 20 Jahren im deutschsprachigen Raum erschienen. Aber das Internet hat sich des Themas angenommen: »Junge Chefs: An der Spitze ist es einsam«, »Einsamkeit an der Spitze: top, aber taub«, »An der Spitze ist man einsam«, »Einsame Spitze: Das unsichtbare Leiden der Manager« oder »Chef sein macht einsam« prägen die Headlines der Beiträge.

Es lassen sich grob zwei Gruppen von Kommentatoren identifizieren. Für die einen gehört die Einsamkeit selbstverständlich zur Führungsrolle, es wird sogar hervorgehoben, dass, je größer die Verantwortung ist, gute Entscheidungen im Grunde nur allein getroffen werden können. Für sie gilt die Kant’sche Maxime »ich kann, weil ich will, was ich muss«. Geleitet vom Ideal des heroischen Führungstypus sieht ihre Lösung so aus: Einsamkeit gehört dazu, akzeptiere sie, lerne, stark zu werden. Tipps und Feststellungen werden vermischt wie »akzeptiere, dass du in der Schusslinie stehst«, »rechne mit Neid oder Missgunst«, »mache dich nicht mit den Mitarbeitern gemein«, »nur wenige Menschen sind ›echte‹ Führungspersönlichkeiten«, »du bist verantwortlich für die Leistung deiner Mannschaft«, »Entscheidungsgewalt macht einsam«, »akzeptiere, dass deine Mitarbeiter über dich reden«, »an der Spitze fehlt ein ebenbürtiger Austauschpartner« etc.

Für die andere Gruppe, die offenbar in erster Linie in irgendeiner Form vom schillernden Modell einer »dienenden Führung« postheroischen Typus inspiriert zu sein scheint, stehen die »Menschlichkeit des Chefs« und dann aber doch wieder dessen transformationale Fähigkeiten im Vordergrund. Es gilt, den Spagat zwischen effektiver, an den Ergebnissen orientierter Führung und empathischer Mitarbeiterführung zu meistern. Eine Führungsspitze, die sich selbst reflektieren und verändern kann, wird auch ihre Organisation in den verheißungsvollen Change hinein navigieren und Spitzenteams leiten können. Ein ausgeklügeltes Nähe‐​Distanz‐​Management, Führung als gemeinsame Teamaufgabe, Personalgespräche und Feedback, Wertschätzung und »Investitionen in soziale Kompetenz«, Achtsamkeit der eigenen Gefühlswelt gegenüber und Selbstoptimierung durch Coaching sind einige der Empfehlungen, die gegeben werden. Wer von den Kommentatoren die wahrhaft dunkle Seite der Einsamkeit erkannt hat, empfiehlt ganz richtig professionelle Hilfe z. B. bei Sucht oder Depression.

Beide Gruppen liegen nicht per se falsch in ihren Beobachtungen und mit ihren Empfehlungen. Alle Autoren erkennen an, dass Einsamkeit und Alleinsein Menschen in Führungspositionen eng begleiten. Sie beschreiben auch, dass über dieses Thema ungern gesprochen wird. Zur Kultur der Stärke und des Erfolgs passt es nicht, auch über die Schattenseiten zu sprechen. Einige weisen ausdrücklich auf dieses Tabu hin. Und alle sind einhellig der Meinung, dass die Führungskraft sich diesem Thema stellen muss, dass sie damit einen Umgang finden sollte.

Worin besteht das Tabu aber eigentlich? Genannt werden Aspekte wie »keine Schwächen zeigen«, »sich nicht angreifbar machen« oder »niemanden fragen dürfen oder können«. Das sind Aspekte, die sich auf ein Idealbild von Führung beziehen. Stärkstes Motiv dürfte jedoch sein, dass es in einem hochsozialen, hochkommunikativen, hochdynamischen und schließlich komplexen und zweckorientierten System nicht sein darf, Isolation, Beziehungsverlust, Identitätsprobleme oder Sinnlosigkeit zu erleben.

Das Tabu besteht in der teils großen existenziellen Not, die Führungskräfte im Laufe ihrer Laufbahn erleben können. Und da die hier genannten existenziellen Themen die Führungsperson fundamental in den Griff nehmen, ist es mit Motivationspsychologie und Verhaltensmodifikationen nicht getan. Der einsame Mensch in Führungsverantwortung ist in vierfacher Hinsicht bedroht; dies gilt es zu erkennen und die eigentlichen Themen der Einsamkeit in den Blick zu nehmen. – Sie werden allerdings von der Kulisse der Idealbilder verdeckt: Einsamkeit ist ein alter Topos, der über die Zeiten idealisiert wurde – auch die Einsamkeit des Führenden gehört dort hinein.