Befunde zu Organisation, Führung und ihrer Beratung im Wandel

Was tun? – und der Zukunft zugewandt!

Was tun? – … und der Zukunft zugewandt!

Ein möglicher Ausweg aus den skizzierten, konzeptionell bedingten Verengungen in der Betrachtung organisationaler Prozesse und deren Beratung lässt sich in einem Ansatz entwickeln, in dem menschliches Verhalten und soziale Phänomene aus einer die Zeitlichkeit des Menschen vollumfassenden Perspektive verstanden werden und der neben dem ›Woher‹ und dem ›Warum‹ simultan die Fragen nach dem ›Wozu‹ und dem ›Woraufhin‹ integriert. Diesen Anspruch kann eine Konzeption einlösen, die einer existenziellen Sicht auf ›die Dinge‹ folgt.

Die moderne Sozial‐ und Organisationspsychologie konzentriert sich auf die Erklärung, also die kausale Struktur menschlichen Verhaltens, hingegen es Existenziellem Denken vor allem um das Verstehen geht, woraufhin Menschen sich mit Fragen über sich und das Leben innerhalb ihrer Daseinsstrukturen auseinandersetzen. (Pyzczynski et al., 2004). Menschen ringen in der Sozialität mit anderen darum, ihrem Dasein so etwas wie einen Sinn und einen Entwurf auf die Zukunft hin abzutrotzen in einer Welt, die für sie per se brüchig, angstmachendend, nichtberechenbar und irreal, also BANI, oder schlicht als ein bedrängendes ›Nichts‹, erscheint. Jürgen Kriz (2017, S. 210) betont die für das Erleben von Menschen unhintergehbare Gleichzeitigkeit aller drei Zeitmodi: »In einer rein chaotischen, sinnleeren Lebenswelt würden wir uns nicht nur zu Tode ängstigen, sondern eine solche Welt ist für uns im wahrsten Sinne undenkbar. Denn Denken enthält immer Elemente, die bereits Sinn enthalten und zu anderen Elementen in sinnhaften Beziehungen stehen. Auch für das Subjekt selbst gilt, dass es in einer Lebenswelt nur existieren kann, indem es sich ständig vor dem Hintergrund einer hinreichend sinnvollen Vergangenheithier und jetzt‹ auf eine ebenso hinreichend sinnvolle Zukunft hin entwirft.« (kursiv d.V.).

Existenzielles Denken ist also ein wichtiger Ansatz für das Verstehen menschlichen Verhaltens im Allgemeinen. Und so kann eine existenzielle Perspektive auch eine Dimension für die Untersuchung von organisationalem Verhalten eröffnen. Folglich müssen wir aus dem existenziellen Blick des Menschen als sinnsuchende Person (Frankl, 1982) schauen. Die Verankerung in einem existenziell geprägten Menschenbild eröffnet so ein erweitertes Verständnis innerhalb der Strukturen von Organisationen. Das Hinzufügen dieser Dimension tritt dabei komplementär neben sozialkonstruktivistische Ansätze. Weick etwa hebt hervor, wie der ›Sensemaking‹-Prozess, die Erschaffung der Realität, als fortlaufende Leistung Gestalt annimmt, wenn Menschen den Situationen, in denen sie sich befinden, rückblickend einen Sinn geben und wie diese die Organisationsstruktur und das Verhalten prägt. In einer um die existenzielle Sichtweise erweiterten Konzeption können Organisationen, ihre Strukturen, ihre spezifischen Institutionen und Kulturen, und nicht zuletzt ihr Sinn von Führung, verstanden werden als gemeinschaftlich erzeugte Antworten und Konstrukte, die ›hier und jetzt‹ mit dem Blick in den Rückspiegel zugleich einen Zukunftsentwurf beinhalten. Dieser kann verstanden werden als Entwurf, der von Menschen einer Welt entgegengehalten wird, die sich ihnen durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, also VUKA, zeigt. Eine solche – existenzielle – Perspektive spannt einen konstruktiven Raum auf, in den der Mensch als Akteur mit seinen existenziellen Strebungen, seiner Intentionalität und seinen grundlegenden Motiven eintreten kann.

Existenzielles Denken ist – nicht zuletzt aufgrund seiner zeitgeschichtlichen Genese – geradezu dafür ›gemacht‹, dass sich der Mensch in einer orientierungs‐ und sinnlosen Welt versteht und handlungsfähig darin einrichtet. Dabei gilt die Existenzphilosophie als wesentliche Quelle existenziellen Denkens. Otto Bollnow (1955, S. 12) beschreibt ihre Suchbewegung wie folgt: »Existenzphilosophie … suchte gegenüber … Auflösung und Zersetzung wieder einen festen Halt zu gewinnen … [i]n einer Zeit, wo alle festen Ordnungen sich aufzulösen drohten und alle sonst als unverbrüchlich geltenden Werte sich als zweifelhaft erwiesen … Und nachdem der Mensch in jedem objektiven Glauben enttäuscht und ihm alles zweifelhaft geworden war, nachdem alle Sinngebungen des Lebens … infrage gestellt waren, blieb nur der Rückgang auf das eigne Innere, um hier einer letzten, allen inhaltlichen Festlegungen schon vorausliegenden Tiefe denjenigen Halt zu gewinnen, der in einer objektiven Weltordnung nicht mehr zu finden war. Diesen letzten, innersten Kern des Menschen bezeichnete man mit dem von Kierkegaard übernommenen Begriff der Existenz.«

Halt‐ und Sinnlosigkeit der Welt, Endlichkeit und Angst stellen konzeptionell also gewissermaßen den ›Normalfall‹ bzw. den Ausgangspunkt existenzieller Betrachtungen, Analysen und Erkenntnis dar. Und die sich aufdrängenden Parallelen zu chronisch aufgetauten Organisationen sind nicht zufällig gewählt. Organisationen, also soziale Systeme, innerhalb derer Menschen miteinander interagieren und gemeinsam Strukturen erschaffen und aus dem gemeinsamen Ringen heraus kulturelle Regeln emergieren, schaffen institutionelle Antworten, die man aus existenzieller Perspektive als auf die Zumutungen des Daseins in einer per se unsicheren Welt gegeben deuten kann.

Gerade die angesichts haltloser Organisationsstrukturen aktuell beobachtbare Tendenz zur Entgrenzung und ihr Ausgreifen auf den ›ganzen‹ Menschen lässt diesen Aspekt bedeutungsvoll erscheinen. – Denn nicht zuletzt war und ist der existenzielle »Ur‐​Sprung« Kierkegaards, und seine Proklamation des »existierenden Denkers«, ein quasi ›himmelschreiender‹ Akt der Selbstergreifung des Einzelnen, »ein Kampfbegriff« in »Gegnerschaft zu aller objektiv‐​systematischen Philosophie« (Ders., a.a.O., S.20) und damit gerichtet gegen jegliche Vereinnahme des Einzelnen durch ein wie auch immer geartetes idealistisches System.

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Literatur/​Quellen:

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