Don Quijote und Sancho Pansa: Miguel de Cervantes zeigt uns Wesentliches über’s Menschsein und Leadership‐Tugenden

Quijote und Leadership – warum wir tun, was wir tun

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Quijote und Leadership – warum wir tun, was wir tun

Was, aber, hat nun Quijote mit Führung und Organisation und das alles mit existenziellem Denken auf sich?

Hier finden wir Antwort bei einem Klassiker der Organisationsforschung, James G. March, einem der herausragenden Vertreter der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie. In seinen Werken befasst er sich hauptsächlich mit der Entscheidungspraxis in Organisationen. Eines seiner zentralen Themen ist der Aufweis, dass die innerhalb von Führungspraxis und Managementliteratur gepflegte Vorstellung durchgängig zweckrationaler Organisationsprozesse, die gewissermaßen kaskadierend vom Oberzweck der Organisation auf deren Teilglieder ›herabregnen‹ und sich dort harmonisch und fraktal als Inhalte der Unterzwecke ›niederschlagen‹, eine im Wortsinn ›phantastische‹ Idee sei. (March, 1988).

In seinen Vorlesungen verweist er immer wieder darauf, wie wertvoll die Anbindung und Rückbindung von Managementausbildungen an sogenannte ›große Literatur‹ sei. Jedes Werk der großen Literatur, könne diese Aufgabe erfüllen. Und er verweist insbesondere auf die Werke etwa von Ibsen, Dostojewski und Henry James hin. Im Jahr 2003 übersetzt March einen Teil seines Leadership‐​Kurses in einen Film mit dem Titel »Passion and Discipline: Don Quixote’s Lessons for Leadership«, indem er der Figur des Mannes aus La Mancha ein Denkmal geradezu zärtlicher Verehrung setzt. (March & Mooney, 2014).

In seinem Fokus auf Quijote attestiert March diesem zwar, wohl kaum ein Vorbild für gute Führung zu sein. Dennoch biete er eine Grundlage, um darüber nachzudenken, was großes Handeln rechtfertige und dafür zu verstehen, ›warum wir tun, was wir tun?‹. In seiner Antwort hierauf vollzieht March, sozusagen gemeinsam mit Quijote, einen überraschenden Ausfallschritt, der den gesamten Kosmos ökonomischer Gewissheiten für einen Moment ins Wanken bringt. Denn er stellt nichts weniger als dessen Gravitationsprinzip, den Ergebniskonsequenzialismus, infrage. Nach diesem wird das Urteil über eine Handlung und deren Aufwand in der Abschätzung und Erwartung des Resultats gefällt. Unsere Standardantwort, so March, sei, dass wir tun, was wir tun, weil wir erwarten, dass es zu guten Konsequenzen führt. Quijote aber erinnere uns daran, dass es noch eine andere, eine zweite mögliche Antwort gibt: »Wir tun, was wir tun, weil es unsere Identität, unser Selbstverständnis erfüllt. Identitätsbasierte Handlungen schützen uns vor der Entmutigung durch enttäuschendes Feedback. … unsere üblichen Gespräche – vor allem in Unternehmen und Schulen – neigen dazu, diese … zu vergessen.« (Zich, 2003).

So kann uns, wie für James March, Quijote, der Mann aus La Mancha, ein Lehrmeister und ›Leader‹ werden, nicht etwa, weil er die Personifizierung eines Anführers ist. Das ist er gewiss nicht. Wir beziehen uns auf ihn, weil – wie March es ausbuchstabiert – »er ein Licht auf drei Themen der modernen Führung und des modernen Lebens wirft: Erstens auf die Rolle von Vorstellungskraft und Vision. Zweitens auf die Quellen von Beharrlichkeit und Engagement. Und, drittens, auf die »Möglichkeit des Glücks … der tiefen Gefühle des Geistes.« (Peterson, 2017).

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Literatur/​Quellen:

Bollnow, Otto F. (1949). Existentialismus und Ethik. Erschienen in: Die Sammlung, 4. Jahrg., 6. Heft, Juni 1949, S. 321335.

Camus, Albert (1942). Der Mythos des Sisyphos, Reinbek. 15. Auflage (Neuübersetzung) von 2013.

Cervantes Saavedra, Miguel (2005). Der Sinnreiche Junker DON QUIJOTE von der Mancha. Aus dem Spanischen von Ludwig Braunfels. München.

Dorra, Helmut (2021). Zweck an sich selbst – niemals nur Mittel zum Zweck. Die Person und ihre Würdigung im Miteinander der Menschen. (Zäsuren und Zeugnisse einer ethisch fundierten Anthropologie). Vortragsmanuskript zum »GLE‑D Wintersymposium – Zur Person«.

Frankl, Viktor E. (1985). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München.S. 52ff..

Frerichs, Joke (2016). https://www.blog-der-republik.de/der-idealist-und-der-zweifler-don-quijote-und-hamlet-zwei-exemplarische-modellfiguren-fuer-die-verwirrungen-der-beginnenden-moderne/ ; aufgerufen 01.03.2021.

Heine, Heinrich (1837/​1976). Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von la Mancha. Einleitung, in: ders.: Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Bd. 7: 18371844. München. S. 149170. S. 165 [unsere Hervorhebungen]. Siehe vertiefend dazu: Meyer‐​Minnemann, Klaus (2007). Zur Entstehung, Konzeption und Wirkung des Don Quijote in der europäischen Literatur; in: Altenberg, Tillmann & Meyer‐​Minneman, Klaus (Hrsg.). Europäische Dimensionen des Don Quijote in Literatur, Kunst, Film und Musik. Hamburg. S. 11 – 46.

Lukács, Georg (1916). Die Theorie des Romans, [2]: Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik; in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft |Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft – 11 |Heft 4 ; S. 395 http://www.digizeitschriften.de/download/urn:nbn:de:bsz:16-diglit-38175/urn:nbn:de:bsz:16-diglit-38175___log00030.pdf

March, James G. (1988). Bounded Rationality, Ambiguity, and the Engineering of Choice. In: Ders. (Hg.): Decisions and Organizations. Oxford. S. 266293. Für eine leicht verständliche Einführung siehe: Kühl, Stefan (2017). James March. Die Zerlegung des zweckrationalen Modells der Organisation. https://sozialtheoristen.de/2017/05/19/james-march-die-zerlegung-des-zweckrationalen-modells-der-organisation/#_ftn2 aufgerufen 01.03.2021.

March, James G. & Mooney, Loren (2014). James March: What Don Quixote Teaches Us About Leadership. https://www.gsb.stanford.edu/insights/james-march-what-don-quixote-teaches-us-about-leadership ; aufgerufen 01.03.2021.

Nabokov, Vladimir (2016). Vorlesungen über Don Quijote, übersetzt von Dieter E. Zimmer, herausgegeben von Bowers, Fredson: Nabokov: Gesammelte Werke, Band 19. Hamburg.

Ortega y Gasset, José (2008). Einleitung in: Der Mensch ist ein Fremder, Schriften zu Metaphysik und Lebensphilosophie, übersetzt aus dem Spanischen von Stascha Rohmer (Hg.). Freiburg/​München.

Peterson, Rob (2017). Modern Leadership Lessons From Don Quixote. https://medium.com/@standardoftrust/modern-leadership-lessons-from-don-quixote-16e36a4c1174 ; aufgerufen 01.03.2021.

Unamuno, Miguel de (1926). Das Leben Don Quijotes und Sanchos. Deutsche Übertragung von Otto Buek. München. II.

Zich, Janet (2003). https://www.gsb.stanford.edu/insights/don-quixotes-lessons-leadership; aufgerufen 2021, March 3.

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